Antikontagionismus zwischen 1821 und 1867 – Erwin H. Ackerknecht

In der zweiten Hälfte des 19. Jhdts. tobt in der Medizin und unter den Ärzten und Hygienikern ein erbitterter Streit zwischen den Kontagionisten, die von der Ansteckungsgefahr bestimmter Krankheiten von Mensch zu Mensch ausgehen und den Antikontagionisten, die gegen eine solche Gefahr argumentieren. Der Medizinhistoriker Erwin H. Ackerknecht († 1988) vollzieht die Beweggründe und Argumente dieses Disputes nach. Vor 1850 wird die Theorie vom „contagium animatum“ und damit der Krankheitsübertragung von kleinsten Organismen auf Menschen, die sich schon bei Carl von Linné Mitte des 18. Jhdt.s findet und in der zweiten Hälfte des 19. Jhdt.s von Louis Pasteur und seiner Keimtheorie endgültig bestätigt wird, vehement zurückgewiesen. Die Geschichte der Ansteckungstheorien muss auch vor dem Hintergrund wesentlicher Paradigmenwechsel in Wissenschaft und Gesellschaft gelesen werden. So ist zu Zeiten der großen Pestepidemien etwa keine schlüssige kontagionistische Theorie formulierbar, da die Vorstellung von Keimen noch nicht existiert. Eine entscheidende Rolle in o.g. Streit spielt immer auch der wirtschaftliche Faktor. Der wirtschaftliche Schaden, der durch von den „großen Drei“ (Pest, Cholera und Gelbfieber, nur diese Krankheiten münden in Quarantänemaßnahmen) ausgelösten Quarantänen hervorgerufen wird, wird immer gegen die Gefahr für die Bevölkerung aufgerechnet. Gegen die kontagionistische Sichtweise sprechen auch die vielen Selbstversuche (etwa von Pettenkofer, der Cholera-Bakterien herunterschluckt), die selten in Erkrankungen münden. Dazu kommt, dass der Erfolg der Maßnahmen der an der Miasmentheorie orientierten Antikontagionisten, der hauptsächlich in der Beseitigung von Schmutz in den Städten besteht, schnell offensichtlich wird, während sich der Erfolg von kontagionistischen Quarantänemaßnahmen schwieriger messen lässt. Auch die Unklarheiten bei der Diagnose bestimmter Krankheiten erschweren wirksame Maßnahmen. So werden Cholera und Fleckfieber etwa noch bis in die 1850er Jahre häufig miteinander verwechselt. Die Vorherrschaft der Meinung von Großstadtärzten, die in den Reihen der Antikontagionisten besonders stark vertreten sind, gegenüber Landärzten sorgt zusätzlich für den schweren Stand der Kontagionisten um diese Zeit. Dabei weist Ackerknecht darauf hin, dass es in diesem Streit eigentlich keine festgelegten Lager gibt. Es gibt keine reinen Antikontagionisten, die Position hängt immer mit Erfolg oder Misserfolg der einen oder anderen Hygiene- oder Quarantänemaßnahme zusammen. Ackerknecht datiert das Umschlagen der Meinung der Mehrheit zugunsten des Kontagionismus um 1886.
Der Blick auf die zunächst nur von historischem Interesse scheinenden Debatte zwischen Kontagionisten und Antikontagionisten in der zweiten Hälfte des 19. Jhdt.s legt die verschiedenen Interessenbereiche und Akteure offen, die in Debatten um Hygiene hineinspielen. Dabei ist das Interesse an der Gesundheit der Bevölkerung bei Weitem nicht das einzige oder fortwährend dominante Thema.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

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